Der Berliner Stil: Sind wir nicht alle irgendwie Französinnen?

#kannSpurenvonIronieenthalten

Und: Warum ich keine echte Berlinerin bin. [Oh mein Gott, ich habe es wirklich nicht gewusst!!!] Irgendwann ist immer das erste Mal und nun hat es tatsächlich ein Buch geschafft, mit einem Satz bei mir untendurch zu sein. In „Der Berliner Stil*“ heißt es in der Einführung „Die neue Berlinerin“:

Die meisten Berliner sind „Zugezogene“. So wie ich […]

Ach ja? Ist das so? Und nun soll ich mir  *arroganter Großstadtzickenmodus an* von einer Zugezogenen [sorry, ich habe das nicht ins Spiel gebracht, hätte ich von mir aus auch nie getan!] erklären lassen, wie „wir Berliner“ modisch ticken? Es ist mir wohl bewusst, dass es an Majestätsbeleidigung grenzt, das zu schreiben, weil die Autorin eine große Nummer ist und Berlin kennt wie kaum eine andere. Aber ich darf ja wohl ein bisschen biestig werden, wenn ich erfahre, dass ich Frau Taschens Style Guide zufolge keine echte Berlinerin bin, [und glaubt mir: nach 44 Jahren, in denen ich mich für eine gebürtige Berlinerin hielt, ist das ein echter Schock! Gut möglich, dass ich ein sehr persönliches Buch schreiben muss, um dieses Trauma zu verarbeiten!] , denn merke: „Die Berlinerin geht ungeschminkt, sie trägt allenfalls roten Lippenstift. Ihr Blond kommt aus der Sprühflasche…[…]“

Arschkarte. Ich bin nicht blond und ich besitze keinen Lippenstift. Auch keinen roten. Nur Lipgloss. Und ich benutze immer BB-Creme, Mascara und Kajal, wenn ich aus dem Haus gehe. Schon habe ich eigentlich keine Lust mehr, das Buch zu lesen. Tue ich aber trotzdem, weil ich es bezahlt habe [warum eigentlich?! Andere bekommen Rezensionsexemplare!]  und wenigstens mal einen Blick reinwerfen möchte und weil es ja leider auch stimmt. Denn: Gebürtige Berliner sind in der Minderheit und jeder zweite wurde woanders geboren. Und so viele tolle Rezensionen auf amazon und in diversen Blogs können ja auch nicht irren. Oder?

 

Blick ins Buch…

Beim ersten Durchblättern mit Blick auf die Kapitelgestaltung gibt’s dann allerdings ein Déjà-vu:

  1. Der Berliner Stil – ein modischer Leitfaden (S. 6 – 108)
  2. Natürlich schön! (S. 108 – 132)
  3. Die Berlinerin zuhause (S. 132 – 170)
  4. Angelikas Berlin (S. 170 – 229)

Habe ich doch so in der Art alles schon mal gelesen?! Natürlich. Werfen wir doch mal einen Blick auf den Pariser Chic* von Ines de la Fressange:

  1. Was trägt die Pariserin? (S. 9 – 115)
  2. Wie pflegt sich die Pariserin? (S. 115 – 129)
  3. Chez moi – die Pariserin zuhause (S. 129 – 161)
  4. Ines‘ Paris (S. 161 – 233)

Keine Frage, das Buch von Ines de la Fressange ist inspirierend. Finde ich auch und ich habe es bereits ausführlich rezensiert: Gelesen|Pariser Chic von Ines de la Fressange. Und: Was hat es mit diesem „Je ne sais quoi“ auf sich? und mag es ziemlich gerne. Ich vermute mal, dass der Knesebeck Verlag hier auf den Französinnen-Zug aufspringen und einen weiteren großen Wurf landen wollte – aber dann muss sich der Berliner Stil wohl oder übel auch den Direktvergleich mit dem Pariser Chic gefallen lassen. Und dabei schneidet er nicht gut ab. Der Aufbau der Kapitel ist – wie es die Namensgebung schon vermuten lässt – nahezu identisch und in weiten Teilen könnte man statt „die Berlinerin“ einfach „die Pariserin“ einfügen,  die Markennamen ändern und die Passagen über das Radfahren (angeblich typisch für Berlin) streichen und schon stünde der der Text ebenso gut für den Pariser Stil. Vergleichen wir doch mal ein wenig…

 

Die Basics in Paris und Berlin…

Was die Basics angeht, muss es – vor allem in Berlin! – die richtige Marke sein! Und während die Pariserin wenigstens bei der Wahl von Jeans, Lederjacke und kleinem Schwarzen freie Hand hat und sonst eben die Namen Klassiker genannt werden, gibt es in Berlin strengere Vorgaben. Es darf nicht irgendein Parka sein, es muss das Original der US Army oder ein Bundeswehrparka sein. Auch gibt es in Berlin nur eine zulässige Jeansmarke: Acne – und hier die Röhrenjeans. Und die weiße Bluse von Acne gehört auch in den Schrank. Stellt sich mir die Frage, warum es gerade ein schwedisches Label sein muss, wo die Berlinerin doch angeblich die besten Läden der Stadt kennt, mit den Ladenbesitzern per Du ist und zugleich lokale Designer untersützt?! [Geständnis von mir: Ich habe noch nie im Leben eine Jeans von Acne besessen und auch keinen Bundeswehrparka.  Es wird immer schlimmer. Wahrscheinlich wurde ich adoptiert und stamme in Wirklichkeit aus irgendeinem Kaff, das so winzig ist, dass es in keiner Karte verzeichnet ist!]

Basics des Pariser Stils: 

  • Kleidung: Jackett (evtl. den Klassiker von YSL), Trenchcoat (am besten den Klassiker von Burberry), unifarbenes Tanktop (Klassiker ist von Petit Bateau), kleines Schwarzes, Jeans, Lederjacke (beste Wahl ist braun)
  • Schuhe: Ballerinas, offene Sandalen (z.B. den Klassiker), schwarze Pumps, Mokassins, Reitstiefel – außerdem liebt die Pariserin ihre Converse
  • Taschen: Tote Bag, Clutch, Umhängetasche, Damenhandtasche (neutrale Farbe wie beige, braun, schwarz), Strohtasche

Basics des Berliner Stils:  

  • Kleidung: Parka (s.o.), Jeans (s.o.), Blazer (YSL od. Stella McCartney), Strickpullover (nie verkehrt: schwarz mit V-Ausschnitt, sonst Grobstrick à la DIY), Lederjacke (schwarz, Biker-Stil), weiße Bluse (s.o.), Sneaker (Nike, Adidas, Converse)
  • Schuhe: rote Ballerinas, Ankle Boots, Wedgepumps, Fancy High Heels, spitze Pumps, Cage Pumps
  • Taschen: kleine Umhängetasche, Clutch, Artsy Clutch, Alltagshandtasche, Shopper, Jutebeutel mit intelligenter Herkunft

[Hm… meine Lederjacke ist nicht schwarz – sondern braun! Und ich würde niemals nie mit einem Jutebeutel rumlaufen – Herkunft egal. Aber ich liebe Strohtaschen! Ha! Ich bin gar keine Berlinerin, sondern eine Pariserin! Wow… ich hatte ja keine Ahnung!]

 

Lässig geht’s besser…

Die Pariserin mag den effortless style und den erreicht sie nicht nur mit einem Lächeln und dem nötigen Selbstvertrauen, sondern auch mit ein paar Tricks. So trägt sie zum Abendkleid niemals eine Stola, sondern wirft einen Wollpullover über. Und zum Chiffonkleid kombiniert sie einen Parka – das nennt sich Stilbruch. Gerne trägt sie auch Männerhemden.

Die Berlinerin schätzt den ungezungenen Chic. Und dafür kombiniert sie beispielsweise elfenhafte Maxikleider mit Lederjacken oder Boots und feine Wolloberteilchen mit zerrissenen Jeans. Das nennt sich Stilbruch. Gerne trägt sie auch ein weißes Herrenhemd oder ein kariertes Flanellhemd – aus seinem Schrank. Übrigens: Die Pariserin steht auf Flohmärkte und Secondhand-Klamotten. Die Berlinerin auch. Schau an…

 

Die No-Gos in Paris und Berlin…

Markengeprotze sowie Bling-Bling oder ein von Kopf bis Fuß durchgestyltes Outfit verabscheut die Pariserin. Die Berlinerin auch.

Die No-Gos des Pariser Stils sind u.a.: 

  • BHs mit durchsichtigen Trägern oder gar keinen BH tragen, Stringtangas plus Hüftjeans, sichtbare Strapse
  • Halskette plus Ohrringe, Ringe an jedem Finger oder kurz: den Weihnachtsbaum spielen oder: zu viel Bling-Bling
  • Piercings
  • weiße Stiefel mit Fransen
  • Gürteltaschen
  • Riemchensandalen aus Plastik
  • Rucksack (nach Beendigung der 4. Klasse)
  • Strumpfhosen, Schuhe und Tasche farblich aufeinander abstimmen
  • zu enge Bluse, zu kurze Shirts, Leggins, Netzhemden
  • Leder all over (entweder Hose oder Jacke, nie beides zugleich)
  • T-Shirts mit „witzigen“ Sprüchen

Die No-Gos des Berliner Stils sind u.a.: 

  • Funktionskleidung
  • sichtbare Panty Line
  • Push-up-BH
  • zu viel Bling-Bling
  • Omas Ansteckbrosche
  • Perlenschmuck
  • Piercing
  • zu nackig
  • Gürtel mit Designer-Logo
  • Fakes
  • Pashmina-Stola mit Fransen
  • Cowboy-Boots
  • T-Shirts mit „witzigen“ Sprüchen

[Nach dem Konsum diverser Style Guides und der Inhalation der dort breit ausgewalzten No-Gos frage ich mich übrigens, ob es überhaupt einen Ort gibt, an dem Bling-Bling, weiße Stiefel, zu enge/zu sexy Klamotten, Pelz, Markenprotzerei und plastische Chirurgie hoch im Kurs stehen? Irgendwie fällt mir da nur Playboy Mansion ein…]

 

Botox für den Style in zwei Metropolen

Wenn die Pariserin ihrem Style schnell einen Kick verpassen will, krempelt sie einfach die die Ärmel der Bluse über den Pullover. Die Berlinerin krempelt auch die Ärmel hoch und nicht nur die, sondern sogar die Hosenbeine – weil Knöchel das neue Dekolleté sind.

Botox für den Style in…

  • Paris: Neugier bewahren, nicht blindlings Trends folgen, chic & cheap mischen, niemals Girlie spielen, Stilbruch wagen, Klischee-Falle meiden, öfter mal den Schmuck wechseln, nicht nur außergewöhnliche Teile kaufen.
  • Berlin: Be yourself, bleiben Sie natürlich, Wasser, Sonnenschutz, gut essen, genügend Schlaf, Sport, keine plastische Chirurgie, angemessener Look (nicht so aussehen wollen wie die Tochter, auch wenn die Figur es erlaubt), sich sexy denken, Bücher lesen (Esprit für den Geist).

 

Mein höchst subjektives Fazit unter Berücksichtigung der Tatsache, dass mir der Pariser Chic ziemlich gut gefallen hat: 

Klingt alles ein bisschen sehr ähnlich und zwei Bücher dieser Kategorie sind mir definitiv too much. Aufgrund der Gestaltung tappt der Berliner Stil logischerweise auch in die Falle, die bei mir persönlich schon beim Pariser Chic zum Punktabzug geführt hat. Denn der reine Style Guide beschränkt sich aufs erste Viertelchen – wahrscheinlich, weil die Nummer mit den Basics eben nicht so viel hergibt – während der Rest eher ein mit reichlich Werbung und Namedropping durchzogener Reise- u. Shopping-Guide ist.

Hätte ich den Pariser Chic nicht gelesen, hätte der Berliner Stil wohl durchaus punkten können – so aber leider nicht. Und obwohl die beiden Bücher sehr ähnlich aufgebaut sind, hat das von Ines de la Fressange bei mir die Nase vorn: Das Layout sowie die Fotos gefallen mir einen Tick besser und außerdem punktet das Original mit den liebenswert schrägen Illustrationen von Ines de la Fressange. Für wen ist der Berliner Stil also lesenswert? Vielleicht für alle, die…

  • den Pariser Chic nicht gelesen haben,
  • ein paar Berliner Shopping-Tipps haben möchten
  • oder das Buch schlicht als (Shopping)Reiseführer für den nächsten Berlin-Trip nutzen wollen – denn dafür ist es wirklich gut geeignet.

Anmerkung einer gebürtigen Berlinerin: Möglicherweise hat es einen Grund, dass eine gebürtige Berlinerin kein Buch über den Berliner Stil schreiben würde. Es gibt ihn nämlich schlichtweg nicht – ebenso wenig wie es den Stil „der Pariserinnen“ gibt – und das, was manche für den Berliner Stil halten, lässt sich nicht in einen Style Guide pressen… zumindest nicht dann, wenn ihn einer kaufen soll. Statt des stadtübergreifenden Stils gibt es  in Berlin 12 Bezirke und 96 Ortsteile – und ich gebe euch Brief und Siegel drauf, dass frau sich in Frohnau, Wannsee oder Zehlendorf ganz anders kleidet als in Marzahn, Hellersdorf, Wedding oder Prenzlauer Berg. Und wenn es eine Moderegel gibt, dann die, dass es keine Regeln gibt, weil hier nämlich kleidungstechnisch alles aufeinandertrifft, was aufeinandertreffen kann und das ist auch gut so.  Immerhin: Mit den in der Berliner Stil beschriebenen Tipps fallt ihr zumindest schon mal nirgendwo negativ auf und das ist ja auch eine Menge wert. Allerdings könnt ihr ebenso gut mittags im Abendkleid an der Currywurstbude stehen, in der Jeans in die Oper gehen oder im Elvis-Gedenklook durch die Stadt spazieren – juckt hier niemanden. Und wenn doch, dann ist es kein Berliner…😉

Pariser Chic

Pariser Chic

PariserChic2

PariserChic1

Der Berliner Stil

Der Berliner Stil

BerlinerStil2

P.S: Und wer sich jetzt fragt, warum ich überhaupt so viele „How to be Parisian“-inspirierte Style Guides kaufe, obwohl ich doch behaupte, dass es „den Stil der Französinnen (oder eher: der Pariserinnen) so nicht gibt, dem sei gesagt, dass ich das  in Minimalismus im Kleiderschrank bereits erklärt habe. Denn: Das hat nicht wirklich was mit „den Französinnen“ zu tun, sondern eher damit, dass diese Style Guides Fashion-Minimalismus in Reinkultur lehren – aber mit sehr viel mehr Stil und Lässigkeit als diese drögen „Wirf alles weg und werde glücklich“-Bücher. 

 

Das Buch ist u.a. hier erhältlich:

  • amazon:Der Berliner Stil: Die besten Looks, Geheimtipps und Adressen*
  • Knesebeck Verlag: Der Berliner Stil – der ultimative Style-Guide

 

Infos & Leseklicks: 

  • Elle: 5 Styling-Regeln, die wir von Berlinerinnen lernen können.
  • Stylebook: 10 Dinge, die wir von Französinnen lernen können.
  • Harpers Bazaar: 7 Dinge, die eine Französin niemals tragen würde.

 

*amazon Affilate-Link

 

 

 

Leave a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Scroll to Top