Come to the dark side – Über Authentizität in der Onlinewelt

In der Onlinewelt des schönen Scheins kocht sie immer mal wieder hoch, die Frage nach der Authentizität. Einerseits verständlich und ich habe mir selbst schon meine Gedanken zum Thema gemacht. Andererseits ist es auch ein bisschen absurd. Wenn ich eine Zeitschrift oder ein Magazin lese, ist es mir wurscht, ob der Schreiberling Staubmäuse unter der Couch hat oder ein schwieriges Verhältnis zu seinen Eltern. Ich will einfach nur unterhalten oder informiert werden – und zwar gut, sonst bin ich weg. Im Falle meiner Friseurin ist es mir sogar schnurzpiepegal, ob und wie authentisch sie ist. Sie macht einen guten Job und ist mir sympathisch – mehr muss ich nicht wissen. Mehr will ich nicht wissen. Weil es mich nichts angeht.

Ich käme auch nicht im Traum auf die Idee, die Authentizität meines Briefträgers anzuzweifeln oder die meiner Nachbarn. Oder die derjenigen, die demnächst unser Bad in Schutt und Asche legen, um es anschließend wieder aufzubauen. Entweder arrangiere ich mich mit dem, was sie mir zeigen oder ziehe schnellstmöglich meiner Wege. Und zwar ohne oberflächliche Bekanntschaften vorher noch mal wissen zu lassen, dass ich sie oder ihr Verhalten ziemlich blöd finde und deswegen nichts mehr mit ihnen zu tun haben möchte. Der Verweis auf die oberflächliche Bekanntschaft ist wichtig, denn das ist die Onlinewelt: oberflächlich. So wie das Verhältnis zu meiner Friseurin oder dem Briefträger: oberflächlich. 

Als Blogger oder Instagrammer soll ich allerdings die Hosen runterlassen und auch mal aus dem Nähkästchen plaudern oder meine unaufgeräumten Ecken zeigen, denn alles andere ist… nicht authentisch.  Böse Beleidigung. Ähnlich böse wie „Du bist nicht gut im Bett“. Da ich selbst noch nicht mal ansatzweise alle Abgründe meiner Persönlichkeit ausgelotet habe, kann ich sie auch nicht öffentlich machen  – selbst wenn ich es wollte, was nie der Fall sein wird. Und dass jeder Mensch, egal ob online oder offine, bestimmte Facetten hat, die er nicht in den Vordergrund rücken wird und dass es auch im hellsten und größten Loft irgendwelche Dreckecken gibt, dürfte jedem klar denkenden Menschen bewusst sein. Und wenn nicht, dann ist das ehrlich gesagt nicht mein Problem. Aber bitte, wenn Carrie, Samantha, Miranda und Charlotte in einer „Sex and the City“-Folge über ihr geheimes Singleverhalten sprechen, verrate ich euch eben was über mein geheimes Bloggerverhalten. Also: Come to the dark side, we have cookies.

  • Ich schreibe meine Blogtexte nicht nackt, so wie Nila, aber ich trage oft meine Yogaklamotten und schwöre im Winter auf meine Kuscheldecke und drei Paar Socken.
  • Ich blogge nicht an einem schneeweißen Schreibtisch. Sondern an einem Esstisch vom Möbelschweden. Der Esstisch steht nicht im Esszimmer, sondern im Wohnzimmer. Wir haben nämlich kein Esszimmer, aber ich esse eh total ungerne am Tisch.
  • Zum Bloggen brauche ich oft schwarzen Kaffee, weil das einfach so ein Psycho-Ding ist. Kaffee ist für mich gleichbedeutend mit Kreativität und wenn nichts läuft, dann lasse ich mir erstmal einen Kaffee durch die Maschine laufen. Und ja, ich trinke Filterkaffee. Von Feinkost Albrecht.
  • Obwohl ich nie über Mann und Sohn schreibe, sind sie doch vorhanden und das ist gut so. Da ich die Privatsphäre der beiden respektiere, spielen sie in meinen Blogtexten allerdings keine Rolle – sie möchten nämlich ausdrücklich nicht als Blogfutter herhalten, was ich sehr gut nachvollziehen kann. Auch wenn es im Sinne der Quote ein bisschen ärgerlich ist, denn nie hatte ich mehr Leser als damals, als ich vor ca. 15 Jahren mit dem Bloggen begann und frisch und frei und vor allem ohne jegliche Hemmungen die Privatsphäre betreffend aus dem Familienleben erzählt habe. Nun kann ich mich nur noch selbst durch den Kakao ziehen, aber irgendeiner muss ja dran glauben.
  • In schöner Regelmäßigkeit liebäugele ich mit dem Gedanken, das Bloggen ganz einzustellen – und phasenweise tue ich es auch. Weil ich mein Geblogge für zu belanglos halte und mich darüber hinaus frage, woher dieser Drang kommt, meine Meinung öffentlich ins Netz blasen zu müssen. Da ich damit aufgewachsen bin, dass es egal ist, ob ich eine Meinung habe – oder welche – war die Bloggerei vor allem in den ersten Jahren ein ewiger Kampf gegen mich selbst. Aber immerhin diesen Kampf habe ich gewonnen, denn wie einigen Texten unschwer zu entnehmen ist, habe ich durchaus eine Meinung. Und ich stehe dazu.
  • Noch nicht vollends niedergekämpft habe ich meine Zweifel das Schreiben betreffend, obwohl das eigentlich völlig absurd ist,  weil wir hier nur von einem privaten Blog reden und nicht davon, dass ich preisverdächtiges Geschreibsel ins Auge fasse. Dennoch halte ich meine Bloggerei immer wieder für nicht gut genug. Und wie zur Bestätigung stoße ich genau in meinen „Ich schreibe nur Grütze“-Phasen auf Blogs mit einer so genialen Schreibe, dass ich dort nicht mal kommentieren würde, weil ich Angst habe, mich mit einem Kommentar als Volltrottel zu outen. Aber ich bleibe dran und denke mir, dass das hier so verkehrt nicht sein kann, denn sonst würdet ihr nicht alle vorbeilesen. Danke dafür!

Noch ein letztes Geständnis: Die Kekse auf dem Beitragsbild sind nicht von mir. Aber wenn ich welche backen würde, dann würden sie so aussehen. Darum bin ich auch kein Foodblogger geworden und schwafele nur rum. Und gebe mich so authentisch, wie ich das für richtig halte. Aber wenn ihr hier eines Tages nur noch schneeweiße Möbel und Designerklamotten seht … oder feinstes Fingerfood, das Sterneköchen Tränen der Freude in die Augen treiben würde, dann könnt ihr davon ausgehen, dass dieses Blog gekapert wurde. Also seid wachsam… 😉

[Beitragsbild: stocksnap.io.]

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