#kann_Spuren_von_Ironie_enthalten
#muss_aber_nicht
Vor einiger Zeit kam mir ein Artikel unter, der mich wie ein HB-Männchen hochgehen ließ. Glückliche und zufriedene Menschen wären langweilig, hieß es. Das hat mich so auf die Palme gebracht, dass mich erst der Schock darüber, dass ich schon so alt bin, dass ich das HB-Männchen noch im Kino gesehen habe, wieder runterpurzeln ließ. Pah, was für ein Blödsinn… würde ich jetzt gerne schreiben. Allerdings steckt da vielleicht doch ein Körnchen Wahrheit drin. Dachte ich zumindest neulich, als ich es mit einem dieser genügsamen, sich selbst genügenden Menschen zu tun hatte. Die Art von Mensch, die ich eigentlich selbst irgendwann mal werden wollte.
Jemand, der unnötigem Konsum ebenso entsagt wie unnötigen Gedanken. Und der total abgeklärt und so was von gechillt sowie maximal minimalistisch in seiner schneeweißen Butze lebt. Jemand, der von jetzt auf gleich seine gesamte Habe in zwei winzige Köfferchen packen und ins neue Domizil umziehen könnte – die schuhkartongroße Höhle auf dem Berg der Erleuchteten, garantiert WLAN-frei und der nächste Laden drei Tagesreisen entfernt. Die personifizierte Gelassenheit, die für alles und jeden Verständnis hat – vor allem für sich selbst. Ja, so ein Mensch wollte ich werden und ich habe es in den vergangenen drei Monaten wirklich versucht. Nur: warum eigentlich? Was genau ist daran so erstrebenswert?
Rhetorische Frage: Wäre „Vom Winde verweht“ wohl der Bestseller geworden, der er ist, wenn sich die Story nicht um Scarlett O’Hara, sondern um Melanie Hamilton drehen würde? Die stets gute, ach so liebevolle und alles verstehende Melanie? Schnarch. Wohl kaum. Oder schreiben wir doch mal eine andere Geschichte um. Nämlich die der vier liebenswert-überspannten, manchmal ein wenig anstrengenden Single-Ladys aus Sex and the City. Die über 6 Staffeln auf der Suche nach dem Einen sind und dabei zwischen Cocktails und Designerklamotten Themen erörtern, die an Political Correctness so nah dran sind wie ein Kartoffelkäfer an der Weltherrschaft.
Befreit von Dramen und Kataströphchen, dafür angereichert mit Glück und Zufriedenheit, bliebe von der ursprünglichen Story nämlich nicht mehr viel übrig. Auf den Yogamatten und Meditationskissen sowie in den „Erwecke deine innere Göttin o.ä.“-Workshops dieser Welt hätten Carrie, Samantha, Miranda und Charlotte hart an sich gearbeitet. Sehr hart. Dafür wären sie nun ganz. Ganz heil, ganz in Balance und ganz bei sich. Sich selbst genug. Und anstatt anderswo nach Liebe, Bestätigung und Anerkennung zu suchen, wären sie randvoll mit Selbstliebe und Kräutertee. Frei von oberflächlichen Bedürfnissen und Wünschen, deren Befriedigung ja doch nur der notdürftigen Verpflasterung seelischer Wunden oder der Betäubung irgendwelcher Ängste dient. Hach ja.
Ich verdeutliche das mal an Carrie – also an ihrer neuen und verbesserten Version. Der Gesundheit zuliebe hätte die neue Carrie Zigaretten gegen Möhrensticks oder selbst geschmurgelte Grünkohlchips getauscht. Und Kaffee und Cocktails gegen lauwarmes Ingerwasser. Shoppingexzesse gehörten der Vergangenheit an, denn die neue Carrie hätte sehr wohl erkannt, dass sie mit ihrem preisverdächtigen Klamottenfundus sechs Staffeln einer Serie ausstatten könnte. Ganz bei sich und ganz mit sich im Reinen läse die neue Carrie nun auch nicht mehr noch bei jedem Einzeiler zwischen den Zeilen, um hinterher tagelang darüber nachzudenken oder es gar kolumnenfüllend auszuwalzen. Stattdessen würde sie ganz pragmatisch und frei nach Fried feststellen: Es ist wie es ist. Und wenn es nicht(s) ist, dann soll es auch nicht sein. Alternativ: Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere. Oder: Jedes Ende ist ein neuer Anfang. Blablabla. Schnarch.
Eine Story wie ein Schuss aus dem Betäubungsgewehr. Schickt einen zuverlässiger ins Reich der Träume als eine Kopfnuss von Wladimir Klitschko. Tragisch, was mit einem Zuviel an Glück und Zufriedenheit aus meiner liebsten Serienheldin hätte werden können. Auch tragisch, dass mir neulich auf meinem Meditationskissen klar wurde, dass ich nie diese tiefenentspannte Person sein werde, die ich doch eigentlich sein wollte. Nein, ich werde nie eine Melanie Hamilton sein, denn manchmal geht mir schlicht jedes Verständnis ab. Wenn mich jemand anrempelt, sich dreist vordrängelt oder mich anderweitig erzürnt, was manchmal recht schnell geht, werde ich nie denken: Ach je, du Arme, du hast sicher gerade private Probleme und benimmst dich darum wie eine Operndiva, der seit Wochen ein Furz quersitzt. Klar, das verstehe ich. Gelassenheit sei mit dir, Schwester. Nö. So nicht. Was ist verkehrt an einem „Geht’s noch?“ oder einem „Hast du einen an der Waffel, du dumme Nuss?“ in gedachter, gemurmelter oder gefluchter Form?
Das heißt nicht, dass ich wie ein Elefant durch den Porzellanladen walze und meine Launen nun jedem ungefiltert an den Kopf knalle, weil ich nun mal so bin und mich authentisch geben möchte. Aber ich möchte auch mal ungerecht, zickig und grantig sein dürfen und mich in verschiedene Dinge reinsteigern, wenn mir danach ist – wenigstens für 5 Minuten oder ein Glas Wein. Und nicht allem gelassen und gleichmütig gegenüberstehen oder ein Leben wie ein nie enden wollender Kalenderspruch führen [Wenn es das Richtige ist wird es geschehen. Wenn nicht war es nie das Richtige]. Oder ständig zuerst vor der eigenen Haustür kehren [„Bevor du andere geradebiegst, musst du dich selbst geradebiegen.“ Buddha] und meine Gedanken zügeln [„Etwas zu begehren oder zu wünschen, was nicht hier ist, bedeutet Leiden.“ Samarpan].
Gelegentlich bin ich einfach eine kleine Drama Queen und das ist in Ordnung so. Und mal ehrlich: Was wäre das für ein Leben, wenn es nur noch Melanie Hamiltons gäbe, die stets so unfassbar besonnen, vorausschauend und so wahnsinnig verständnis- und liebevoll handeln würden? Wie viele Geschichten wären nie erzählt, wie viele Bücher nie geschrieben und wie viele Filme nie gedreht worden? Wäre doch verdammt schade drum… 😉
[Beitragsbild: gratisography]