Mit all der Konsequenz, die ein inkonsequenter Mensch besitzt, habe ich vor einiger Zeit den Frauenzeitschriften abgeschworen [Rückfälle bisher: drei, allerdings habe ich online drei Ausgaben der emotion gekauft, das zählt eigentlich anders]. Seither lese ich meine Bücherregale leer und schränke parallel dazu meinen Social-Media-Konsum erheblich ein und das ist auch besser so, denn sobald ich meine zwischen die Buchdeckel gepresste Welt verlasse, bekomme ich die Krise. Offenbar schlägt die Welt, die wir uns selbst geschaffen haben, mittlerweile vielen von uns so dermaßen aufs Gemüt, dass es an jeder Ecke Lebensweisheiten to go gibt.
Im Supermarkt leuchtet es auf dem knalloragenfarbenen Cosmopolitan-Cover: „Aufregend anders. Was unperfekte Frauen so unwiderstehlich macht.“ Und daneben rotzt die emotion: „Wir sind unperfekt – na und?“ Stellt sich mir allerdings die Frage: Wie unperfekt ist denn unperfekt… für die Cosmopolitan und die emotion? Vermutlich rangiert das bei denen eher in der Kategorie „Julia Roberts oder Megan Fox zeigen sich ungeschminkt auf Instagram!“ … woohoo… so was von unperfekt aber auch. Da kann ich doch gleich mal entspannt durchatmen. Online schießen ebenfalls überall kleine Motivationsgurus aus dem Boden, die uns für umme erklären, wie der Hase läuft. Vor allem der „Chakka, you go girl!“-Bereich ist überrepräsentiert und ich vermute, dass fleißige Heinzelmännchen über Nacht sämtliche Lebenshilferatgeber durch den Fleischwolf gedreht und die Häppchen anschließend feinsäuberlich eingescannt haben, so dass nun die mehr oder weniger verhackstückten Weisheiten fröhlich durchs Netz poltern, um in diversen Onlinemagazinen und sozialen Netzwerken wieder aufzuploppen. Dort werden sie dann wiedergekäut und wiedergekäut und wiedergekäut, immer schön gemäß dem Motto: A Sprüchlein a day keeps the Stimmungstief away – und nun krieg deinen Arsch hoch, du Schluffi und mach dir ja keinen Stress, während du die Weltherrschaft anpeilst, darunter läuft’s nicht.
Einige dieser Motivationssprüchlein mag ich sogar, vor allem dann, wenn sie auf hübschen Bildchen serviert werden, und ein Zitat von Diane von Fürstenberg strahlt mich seit kurzem jedes Mal an, wenn ich den Laptop hochfahre. Nämlich: „I never knew what I wanted to do, but I always knew the kind of woman I wanted to be.“ Spricht mich sehr an – ich wusste bisher ja nur, welche Art von Frau ich nicht werden wollte! Idiotischer Anfängerfehler, so was von saublöde, aber shit happens. Da ich also durchaus bemüht bin, die Art von Frau zu werden, die ich sein möchte und die ich meinen Möglichkeiten entsprechend sein kann, bin ich hinsichtlich motivationslastiger Sprüchlein und Texte überdurchschnittlich tolerant. Irgendwann isses aber auch mal gut. Nämlich dann, wenn ich – sobald ich „das Netz“ aufsuche – von einer Flut von infantilen Banalitäten überschwemmt werde, die ein Vorschüler nicht besser hätte formulieren können. Das nervt mich. Vor allem dort, wo es nichts zu suchen hat.
Nichts gegen entsprechend gelagerte Onlinemagazine oder Blogs, die ich selbst sehr gerne aufsuche, wenn ich mal wieder einen motivierende Tritt in den Allerwertesten brauche. Wenn allerdings ein Onlinemagazin, das sich selbst als Lifestyle-Business-Plattform für Frauen bezeichnet, auf diesen „Pippi Langstrumpf reloaded“-Zug aufspringt und es im „Verlass die Komfortzone“-Artikel heißt: „Streu überall Glitzer drüber“, dann … äh… frage ich mich schon, ob das ne Satire sein soll?! Wenn ich so was lesen möchte, surfe ich gleich einschlägige Blogs an, die dieses Glitzerding so überzeugend vorleben, dass sogar ich mir eine Tonne Glitzer kaufen möchte und anschließend für mindestens 10 Minuten von meiner eigenen Großartigkeit überzeugt bin und mir auf Knien dafür danke, dass ich ich bin und nicht… äh… na wer auch immer.
Nicht minder inhaltsoriginell ist die einst halbwegs vernünftigen ZEITung, die dem gestressten Menschen mittels eines Clips im Poetry-Slam-Stil verrät, wie er „mal wieder von seinem Multitasking-Trip runterkommen und sein Leben erträglicher gestalten kann“. Das geht nämlich so: Studiert den Sitz in der U-Bahn, zählt die Locken der Dame vor euch und drückt eure Lieben ganz fest … hach ja… und schwupps seid ihr wieder geerdet und entstresst. Ist das nicht supi? Und jetzt gönnen wir uns einen großen Lolli und schaukeln eine Runde, wir krassen Hamsterradrevoluzzer.
Ich gehöre ja durchaus zu denen, deren Glas eher halb voll als halb leer ist. Und ich bin überzeugt von dem, was Neurowissenschaftler immer wieder verlauten lassen, nämlich dass die Inhalte unserer Gedanken unsere Wahrnehmung (und irgendwann auch unser Gehirn) verändern, woraus folgt, dass die, die ständig negativ gepolt sind, die Welt durch einen entsprechenden Filter wahrnehmen und über kurz oder lang zum motzenden Miesepeter werden, der das Glück nicht mal dann erkennt, wenn es ihm mit Anlauf ins Gesicht springt oder ihm eine scheuert. Aber: streu Glitzer drüber, spiel ein bisschen Pippi Langstrumpf und schon ist die Welt deine kleine Villa Kunterbunt? Na wenn das mal so einfach wäre, würde niemand mehr Psychologie studieren wollen und stattdessen wäre die Welt voll mit kleinen DIY-Cracks, die malend, töpfernd oder Bäume umhäkelnd ihre Villa Kunterbunt gestalten und in der Flow porträtiert werden.
Mir gehen diese „Chakka, you go girl!“ -Botschaften mittlerweile gehörig auf den Senkel, denn wenn sich das Leben mit all seinen Facetten so einfach auf dieses Chakka-Geseiere runterbrechen ließe, müssten die, die sich nicht für ein glitzerndes Einhorn halten, ja wohl irgendwo einen schweren Systemfehler haben und dem dürfte mit ein bisschen Chakka vermutlich ohnehin nicht beizukommen sein – nicht mal dann, wenn man eine Extraportion Glitzer drüberstäubt. Denke ich. Wissen tue ich es allerdings nicht und darum versuche ich’s vielleicht sicherheitshalber noch mal mit einer entsprechenden Weiterbildungsmaßnahme, weil ich nichts unversucht lassen möchte. Möglicherweise verhält es sich mit einer Seele, den dortigen Verkrustungen und den daraus resultierenden Fehlschaltungen ja so ähnlich wie mit den Ablagerungen in meiner alten und total verkalkten Kaffeepad-Maschine, die ich gerade wieder flottmache? Manche Dinge benötigen eben sehr viel mehr An- und Durchläufe als andere und vielleicht braucht es ja nur noch diesen einen Motivationskick?!
Kaufe mir daher demnächst eine Wagenladung schicker Partyhütchen – mit bunten Pünktchen und Glitzer drauf! – und dazu blinkende Clownsnasen. Anschließend zerre ich all meine Pannen, Psychomacken und sonstigen Spinnereien ans Tageslicht, serviere ihnen eine Tasse Kaffee und staffiere sie mit Hütchen und Blinkenasen aus. So aufgebrezelt schauen wir uns dann gemeinsam Harry Potter und der Gefangene von Askaban an – nämlich 21 Tage lang in Dauerschleife die Szene, in der die Irrwichte unter Anleitung von Prof. Lupin lächerlich gemacht werden – und dann… na schau’n mer mal. Wenn ich euch nach dieser Rosskur in jedem dritten Post um die Ohren knalle, wie überaus großartig und gelungen ich mich finde, dann hat’s funktioniert. Chakka…😉
[Beitragsbild: gratisography]