Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen, wie viele Psychoratgeber ich im Lauf meines Lebens gelesen habe, weil ich die Dinge ja unbedingt selbst lösen möchte. Vor allem die unlösbaren, alles andere wäre zu einfach. Nun erwischte mich neulich in einer seelisch eher instabilen Phase [Überraschung, ich bin nicht immer gut drauf, sondern ziehe mir an manchen Tagen auch einfach mal die Decke über den Kopf und lese von morgens bis abends Harry Potter] eine Passage in einem Buch, die mich sprachlos machte. Da wurde tatsächlich angeraten, das eigene Leben doch mal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten! Einfach so! Weil man die Dinge immer anders betrachten kann, wenn man das möchte.
Erste Reaktion meinerseits: Ein rechtschaffen empörtes „Hallo?! Tickst du noch ganz richtig?! Du hast leicht reden. Du hast ja wohl überhaupt keine Ahnung von meinem Leben!“ Dann krabbelte ich aus meinem Loch und sah durchaus ein, dass in der Idee mehr als ein Körnchen Wahrheit steckt. Denn wenn Woody Allen, Polanski, Tarantino oder das Team vom ZDF-Sonntagabendfilm ein vorgegebenes Thema umsetzen würden, kämen mit Sicherheit gänzlich andere Filme raus. Und hätte man Walt Disney, Picasso oder Warhol aufgefordert, eine Maus zu zeichnen, gäbe es wohl auch drei sehr verschiedene Mäusevariationen.
Alles nur eine Frage der Sichtweise? Fragen wir mal Diane, Jackie und Marilyn…
Plötzlich kam mir das in den Sinn, was ich in der Biografie „Die Frau, die ich sein wollte“ von Diane von Fürstenberg gelesen hatte, als sie über ihre Kindheit und ihre Mutter schrieb:
„Wenn ich etwas sagte, das nicht ihre Zustimmung fand oder nicht ihren Erwartungen entsprach, sah sie mich finster an oder kniff mich. Ich musste mich dann mit dem Gesicht zur Wand in die Ecke stellen. Manchmal ging ich alleine in die Ecke, weil ich wusste, dass ich etwas Unrechtes getan hatte.“ [1]
Auch sonst scheint Mutter von Fürstenberg ein Vorläufer der „Tigermom“ gewesen zu sein. Diane musste, noch ehe sie lesen konnte, die Fabeln von La Fontaine aus dem 17. Jahrhundert auswendig lernen und aufzusagen. Und kaum, dass sie schreiben gelernt hatte, orthografisch und grammatikalisch korrekte Briefe verfassen. Zum Austreiben der Schüchternheit wurde Diane bei jeder Familienfeier gezwungen, eine Rede zu halten. Und die Furcht vor der Dunkelheit trieb „Tigermom“ ihrem Sprössling aus, indem sie Diane in die dunkle Abstellkammer sperrte und vor der Tür wartete – damit ihre Tochter lernen konnte, dass es dort nichts gab, wovor sie sich hätte fürchten müssen. Das musste ich erstmal sacken lassen und ich weiß nicht, wie viele Blogs ich hätte schreiben müssen, um das zu verarbeiten, was da für von Fürstenberg an der Tagesordnung war. Doch was sagt die Modeschöpferin über ihre Mutter?
„Sie war sehr streng, aber ich zweifelte nie daran, dass sie mich liebte. […] Meine Mutter hielt nichts davon, Kinder zu sehr zu verhätscheln oder überzubehüten. Sie wollte mich zu einem unabhängigen Menschen erziehen, der selbst die Verantwortung für sich übernahm.“
Mit dieser Sichtweise gibt von Fürstenberg den Erlebnissen, bei denen ich als Unbeteiligte die Hände über dem Kopf zusammenschlage und die Mutter schütteln möchte, einen völlig anderen Twist. Nicht anders verfuhren übrigens auch Jackie Kennedy Onassis und Marilyn Monroe mit Teilen ihrer Vergangenheit:
- Jackie O. vergötterte ihren Vater und stellte ihn stets als „glamourösen Schürzenjäger“ dar. Für andere war er hingegen schlicht ein Alkoholiker, der noch dazu an Jackies Hochzeitstag so betrunken war, dass er seine Tochter nicht mal vor den Traualtar führen konnte, schreibt Pamela Keogh [2]. Auch Jackies Mutter beschreibt Keogh als unnachgiebige und rigorose Frau mit aufbrausendem Temperament, die ihre Töchter gerne mal mit der Haarbürste züchtigte und die durch nichts, was ihre Töchter taten, zufriedengestellt werden konnte.
- Marilyn Monroe hatte, was Bildung, sozialen Status und ein solides Seelenfundament angeht, einen wahrhaft schlechten Start. Ihren Vater lernte sie nie kennen. Die Mutter war psychisch labil und wurde später aufgrund ihrer Depressonen in ein Sanatorium eingewiesen, so dass Marilyn ab dem Grundschulalter von Pflegefamilie zu Pflegefamilie weitergereicht wurde, in denen es bisweilen alles andere als familiär und liebevoll zuging, zwischendurch landete sie im Waisenhaus. Im Alter von 12 Jahren kam sie in die Obhut von Grace McKee, eine Freudin von Marilyns Mutter. Grace liebte Filme, ging gerne ins Kino und steckte Marilyn mit ihrer Filmleidenschaft an. 1942 zogen Grace und ihr Mann an die Ostküste und konnten die damals knapp 16-jährige Marilyn, die gerade die Highschool beendete, nicht mitnehmen. Marilyn stand vor der Entscheidung, entweder ins Waisenhaus zurückzukehren oder zu heiraten. [2] Also heiratete sie. Den ersten von insgesamt drei Ehemännern.

Was zählt eigentlich? Woher du kommst oder wohin du gehen willst?
Diane von Fürstenberg, Jackie O. und Marilyn Monroe hätten zweifelsohne Gründe genug gehabt, um sich in einem eigenhändig geschaufelten Loch zu verkriechen und die Vergangenheit zu verfluchen – was sie aber stattdessen taten, ist bekannt. Sie haben ihre Vergangenheit frisiert und umgeschrieben, mal mehr – wie Marilyn, die verschiedene Variationen präsentierte – mal weniger, so wie Jackie. Sie entschieden, was sie sein wollten. Und sie entschieden, was sie hinter sich lassen oder zu ihrem Vorteil nutzen wollten. Als ich das habe sacken lassen, hätte ich mir gewünscht, mehr inspirierende Biografien und weniger Psychobücher gelesen zu haben. Denn:
„Alle Frauen besitzen Geschichten, die an Tragweite und Unglaublichkeit den Märchen in nichts nachstehen.“
(Clarissa Pinkola Estés in „Die Wolfsfrau„)
Die Männer wohl auch, vermute ich. Jeder von uns hat seine Päckchen zu tragen, auch wenn es manchmal nicht so scheint. Es ist wichtig und richtig, die eigene Geschichte zu kennen und sie in gewissem Maß aufzudröseln, weil einem sonst das Verständnis für bestimmte Zusammenhänge oder eigene Handlungsweisen fehlt – vor allem für die, die einem Automatismus gleichen, den man einfach nicht durchschaut. Aber irgendwann ist es auch mal gut und es stellt sich mir nicht mehr die Frage, woher ich komme, sondern wohin ich gehen will. Und dabei halte ich für mich einen nach vorne gerichteten Blick für wesentlich sinnvoller als das Stochern in alten Geschichten. Denn:
Sind diese Geschichten einmal etabliert, dann wählen, modifizieren und verdrehen wir neue Erlebnisse, sodass sie zu unseren Erwartungen passen. Was wir für „die Wahrheit“ halten, ist tatsächlich eine ausgeklügelte und von unserem eigenen Verstand wohl durchdachte Fiktion. Sich klarzumachen, dass Ihre Geschichte geradezu willkürlich ist, dass es unzählige andere Sichtweisen gibt, die durch und durch genauso korrekt sein können, öffnet die Gefängnistür Ihres Glaubenssystems und erlaubt Ihnen, hinauszugehen, wenn Sie dies möchten. [3]
Nicht umsonst hieß es bei Dostojewski, dass man Gefangene am besten an einem Ausbruch aus dem Gefängnis hindert, indem man sie gar nicht wissen lässt, dass sie im Gefängnis sitzen. Wie blöd, wenn ich mich durch meine immergleichen und eingeschränkten Sichtweisen in mein eigenes Gefängnis sperre. Und als ich diese Ideen für mich annehmen konnte, stieß ich in der Flow auf einen passenden Artikel, die alten Geschichten betreffend. Auch Philip Zimbardo, Professor für Psychologie an der Stanford University, hält eine positive Sicht auf die Vergangenheit für eine gute Basis, um die Gegenwart zu gestalten. Im Artikel heißt es:
„Warum es sinnvoll sein kann, all diese Untiefen [Anm. der Vergangenheit] schlicht links liegen zu lassen und allein die schönen Episoden zu sammeln und wertzuschätzen, begründet Zimbardo so: Unsere Erinnerungen seien nicht objektiv, wir wissen oft nicht einmal genau, ob sie wahr sind. […] Außerdem sei die Psychologie heute der Ansicht, dass unsere Kindheit uns zwar beeinflusst, aber eben nicht so stark, wie es Psychologen wie Siegmund Freud früher dachten. Deshalb ist es auch nicht notwendig, jeden Winkel unserer Vergangenheit zu kennen. „Unsere Einstellungen gegenüber vergangenen Ereignissen sind wichtiger als die Ereignisse selbst“, sagt Zimbardo. [4]
„Unsere Einstellungen gegenüber vergangenen Ereignissen sind wichtiger als die Ereignisse selbst“
Das ist mal eine Aussage. Jeder, der nicht in Bullerbü aufgewachsen ist, mag da zuammenzucken und mir ging es nicht anders. Aber es passt zu den Puzzleteilchen, die ich mir anderswo abgespeichert habe, weil ich sie mir zunutze machen möchte. Tatsächlich gibt es die Erinnerungsverfälschung und Elizabeth Loftus, Prof. an den Instituten für Psychologie, Kriminologie und Rechtswissenschaft der University of California in Irvine, sagt: „Das Gedächtnis sei suggestiv, subjektiv und formbar.„[5] Das Gedächtnis verzerrt die Erinnerungen allerdings nicht nur, es lässt sich sogar übertölpeln und sich Erinnerungen unterschieben, die wir nie gemacht haben:
Noch leichter als durch erzählte Geschichten lässt sich die Erinnerung durch Bilder manipulieren. Die Psychologin Loftus zeigte Probanden Fotos, auf denen sie sich als Kind zusammen mit einem Verwandten in einem Heißluftballon schweben sahen. Die Hälfte der Befragten erinnerte sich später genau an die auf-regende Ballonfahrt. Doch auch die hatte niemals stattgefunden. [Quelle: Falsche Erinnerungen – das Leben eine einzige Erfindung?]
Hätte ich davon mal was in meinen Ratgebern gelesen, hätte ich einige Dinge anders gewichtet und mir nicht immer wieder alte Geschichten erzählt, die mich letztendlich nur schwächen, das könnt ihr glauben. Aber besser spät als nie – das sagte schon der Gemischtwarenändler Mr. Hobbs in „Der kleine Lord“ und dem möchte ich keinesfalls widersprechen, weil mit dem bestimmt nicht gut Kirschen essen ist. Genau darum werde ich ab sofort ein bisschen besser aufpassen, welche Geschichten ich mir über mich selbst und über meine eigene Geschichte erzähle. Und nein, ich werde es nicht „Münchhausens tolldreiste Lügengeschichten“ nennen. Na ja… oder vielleicht doch…😉

Anmerkung: Dieser Post ist nicht als Aufruf zu betrachten, irgendwas unter den Tisch zu kehren und sich „Dinge schönzureden“. Auch steckt hier keinesfalls die Botschaft drin: Das ist alles gar nicht so schlimm (gewesen), stell dich nicht so an. Es handelt sich hierbei lediglich um meine Gedanken zu einem Thema, das mich schon sehr lange und noch ein bisschen länger umtreibt. Wenn ich euch damit inspirieren kann, schön. Wenn nicht, macht einfach so weiter, wie ihr das für richtig haltet.😉

Quellen, Infos & Leseklicks:
[4] Flow Nr. 16, „Weißt du noch, wie es damals war?“
[5] welt.de: Erinnerungen können nachträglich manipuliert werden
[3]amazon:Martha Beck: Enjoy your life: 10 kleine Schritte zum Glück*
[2]amazon:Pamela Keogh: Und wer sind Sie: Jackie oder Marilyn? *
[1] amazon:Diane von Fürstenberg: Die Frau, die ich sein wollte: Mein Leben*
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